Entwicklung eines Geschäftskonzeptes für mobile Fabriken
Kurzfassung:
Ausgehend von der großen Herausforderung für produzierende Unternehmen, in einem globalen Wettbewerbsfeld zu bestehen, entwickelten die Projektpartner einen Lösungs- und Methodenbaukasten. Mit diesem Werkzeug sind die Unternehmen in der Lage, reaktionsschnell und mit geringem Kapitaleinsatz wirtschaftlich in den verschiedenen Märkten die geforderten Varianten und Qualitäten zu produzieren.
Dipl.-Ing. Andreas Merchiers
RWTH Aachen - WZL
Tel.: 0241 80-28193
E-Mail: a.merchiers@wzl.rwth-aachen.de
Ansprechpartner bei PTKA-PFT:
Dipl.-Wirtsch.-Ing. Christel Schwab
Tel.: +49 721 608-25288
E-Mail: christel.schwab@kit.edu
Problemstellung
Motivation für das Projekt bildete die Erfordernis für produzierende Unternehmen, zunehmend global verteilte Standorte aufzubauen und zu betreiben.
Ursachen für diese Entwicklung sind zum einen die immer wichtiger werdende Marktnähe (Kundennähe), zum anderen die Erfüllung von Local-Content-Anforderungen sowie die Nutzung von Standortfaktoren wie z.B. niedrige Lohnkosten. Darüber hinaus ist eine Verkürzung der Logistikkette in Zeiten einer Just-In-Time-Versorgung für Zulieferunternehmen häufig zwingender Grund für die Eröffnung von Standorten in der Nähe des Kunden. Die Nutzung global verteilter Produktionsstandorte birgt demnach eine Vielzahl von Vorteilen. Dies impliziert jedoch, dass die Globalisierung auch beherrscht wird. Hierbei gilt es, insbesondere Synergieeffekte bei der Erschließung neuer Standorte zu nutzen sowie die Produktionsumfänge einzelner Werke geeignet zu koordinieren. Entscheidend bei der Umsetzung wird hierbei die Fähigkeit zum grenzüberschreitenden Transfer von Wissen und Erfahrungen sein.
Projektziele
Die sich schnell ändernden Märkte sowie wirtschaftliche und politische Krisen können dazu führen, dass Produktionsstandorte zur Disposition stehen. Bei der Standortveränderung müssen derartige Risiken durch geeignete Geschäftskonzepte (z.B. Joint Venture) oder eine Verlagerbarkeit der Produktion berücksichtigt werden. Beispielsweise kann der Aufbau von Geschäftsbeziehungen zwischen einem OEM (Original Equipment Manufacturer) und einem Zulieferer Verlagerungen von Produktionseinrichtungen an einen anderen Standort bedingen.
Vor diesem Hintergrund war das Ziel des Projektes, ausgehend von den unternehmensspezifischen Zielen und Randbedingungen, die optimale Konfiguration der Ressourcen, der Prozesse und der Organisation eines mobilen, global einsetzbaren Produktionsstandortes zu ermitteln.
Ergebnisse und Anwendungspotenzial
Der im Projekt entwickelte Lösungsansatz besteht darin, Fabriken als Kombination aus verlagerungsfähigen Produktionsbestandteilen sowie standortbezogenen Dienstleistungen zu verwirklichen. Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist die Zerlegung der Fabrik sowie der technischen und logistischen Dienstleistungen in standardisierte Produktions- und Dienstleistungsmodule.
Mittels geeigneter Planungsmethoden wie z. B. Referenzplanungsprozesse für die Initialplanung oder Verlagerungsplanung wird das jeweils optimale Fabrikkonzept aus vordefinierten Fabrikbestandteilen konfiguriert. Die Auswahl der Gestaltungslösungen wird durch geeignete Bewertungsmethoden unterstützt, die insbesondere auf die Berücksichtigung von Standortspezifika ausgerichtet sind. Neben den Planungs- und Bewertungsmethoden tragen Referenzstrategien zur Integration der Produktionsstandorte in bestehende Produktionsnetze bei.
Die Grundlage für den Konfigurationsprozess bildet ein Lösungsbaukasten mit Prinziplösungen für diejenigen Fabrikbestandteile, die von den Herausforderungen einer global verteilten Produktion primär tangiert sind:
Zum Umgang mit standortspezifischer Infrastruktur wurde ein Modul konzipiert, mit dem infrastrukturelle Anforderungen identifiziert sowie geeignete Lösungsalternativen bereitgestellt und technisch realisiert wurde.
Analog werden entsprechend der Anlagenanforderungen, der jeweiligen Standortbedingungen und der Verlagerungshäufigkeit, Gebäudekonzeptlösungen sowie Hilfsmittel zur Bewertung vorhandener Gebäude bereitgestellt.
Weiterhin liefert der Lösungsbaukasten Referenzkonzepte für die modulare
Gestaltung der Betriebsmittel, um deren standortneutralen Einsatz zu ermöglichen.
Für die standortübergreifende Nutzung und Bereitstellung des Produktions-Know-hows wurde ein geeignetes Softwarewerkzeug "Wissenscontainer" entwickelt. Die darzustellenden Inhalte wie z.B. Prozessparameter oder Prüfanweisungen werden hierbei gebündelt und entsprechend der Bedürfnisse unterschiedlicher Benutzergruppen standortübergreifend bereitgestellt.
Neben den erwähnten produktionstechnischen Modulen werden zudem Referenzlösungen für die Verlagerung, für produktionsunterstützende Dienstleistungen sowie für die logistische Integration neuer Partner in die Lieferkette bereitgestellt und ebenfalls zu Modulen zusammengefasst.
Im Rahmen des Projektes wurde ein Lösungs- und Methodenset entwickelt, mit dem global agierende Unternehmen in die Lage versetzt werden, reaktionsschnell und mit geringer Kapitalbindung wirtschaftlich in den verschiedenen Märkten die geforderten Varianten und Qualitäten zu produzieren. Mit der erfolgreichen Anwendung und Umsetzung der Ergebnisse am Beispiel der Trinkglasherstellung sowie im Rahmen hochwertiger Kugellagermontage konnte zudem deren industrielle Verwertbarkeit sichergestellt werden.
Bei allen Projektpartnern werden über die Projektlaufzeit hinaus die Arbeiten an den Prototypen und Referenzinstallationen weiter forciert.
Das Anwendungspotenzial besteht zum einen in den
- Geschäftskonzepten für die global verteilte Produktion als Kombination von verlagerbaren Fabrikressourcen und standortbezogenen Dienstleistungen und zum anderen in der
- methodischen Unterstützung bei der strategischen und operativen Umsetzung von Verlagerungen.
Ausblick
Die erarbeiteten Grundlagen und Methoden stellen eine Basis für die Weiterbearbeitung von flexiblen, temporären Fabriken dar. Die erarbeiteten Lösungen leisten einen Beitrag zur Steigerung der Effizienz in der global verteilten Produktion. Die mobile Auslegung von Produktionsbetrieben senkt das Investitionsrisiko bei zukünftigen Markterschließungen.
Um diese neuen Visionen breit anzugehen, wurde der Industriearbeitskreis "Mobile Fabrik" gegründet. Ziel ist es, mit interessierten Unternehmen die Lösungsansätze zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Weitere Informationen zu diesem und weiteren Industriearbeitskreisen werden im Internet bereitgestellt unter www.mobile-fabrik.de/
Autor: Schuh, G.; Merchiers, A. (Hrsg.)
Verlag: Shaker Verlag, Aachen
Erscheinungsjahr: 2004
ISBN: 3-8322-3437-3
Beschreibung: Ziel des Verbundprojektes war die Konzeption und Realisierung mobiler Fabriken, die temporär und flexibel an wechselnden Standorten zum Einsatz kommen. Dazu wurde ein Lösungsbaukasten für mobile Fabriken als Kombination aus verlagerungsfähigen Fabrikbestandteilen (Produktionsmodule) und standortbezogenen Dienstleistungen entwickelt und verwirklicht. Das erstellte Buch in diesem Projekt leistet einen Beitrag für die Fabrikgestaltung mobiler Produktionssysteme. Es werden Lösungen für Fabrikplanung und Umsetzung von mobilen Fabriken vorgestellt und deren Anwendung aufgezeigt.