Industrielle Fachkräfte
Mitarbeiter sind eine entscheidende Ressource im Unternehmen. Innovationskraft, Marktstärke und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hängen zukünftig noch stärker als bisher von der
Qualifikation, Leistungsfähigkeit sowie der
Motivation ihrer Mitarbeiter ab. Der weltweite Erfolg und die Innovationskraft der deutschen produzierenden Industrie sind traditionell eng mit der Innovationskompetenz von Ingenieuren und Fachkräften verknüpft. Ihre Ideen, Kreativität und Leistungskraft sind Garanten und Impulsgeber für eine hohe Produkt- und Prozessqualität, durch die Unternehmen erst global wettbewerbsfähig werden.
Bereits zu Beginn des Programmstarts wurden im Rahmenkonzept „Forschung für die Produktion von morgen“ unter dem Schwerpunkt „Produzieren im turbulenten Umfeld“ Forschungsprojekte zu Themen wie
Arbeitswirtschaft, industrielle Personalwirtschaft (
1. Bekanntmachung vom 27.10.1999) aufgegriffen und mit der
Kompetenzentwicklung (
3. Bekanntmachung vom 15.02.2000) erweitert, weil diese Themen von besonderer Bedeutung für die Innovationskraft sowie die angestrebte Flexibilität und Wandlungsfähigkeit von Unternehmen sind. In ausgewählten Verbundprojekten wurde in den Jahren 2001 bis 2004 zu folgenden immer noch aktuellen Schwerpunkten geforscht. Ab 2005 wurden die industrielle Fachkräfte betreffenden Aspekte wie Qualifizierung, Erfahrungswissen und Wissenstransfer in laufende Verbundprojekte zur Unterstützung des der betrieblichen Anwendung integriert.
Arbeitswirtschaft
Da nur solche Unternehmen langfristig erfolgreich sein werden, die sich als lernende Organisation verstehen und ihren Mitarbeitern das Lernen und Verbessern ermöglichen, wurde mit dem Projekt
Dynamische Arbeitswirtschaft eine
einfache, anpassungsfähige und dynamische Arbeitswirtschaft in Unternehmen aufgebaut. Zudem wurde ein erweiterter konzeptioneller Rahmen für die Arbeitswirtschaft in einem turbulenten Umfeld geschaffen. Die dynamische Arbeitswirtschaft ist eine Methode für lernbereite Organisationen, welche die Ideen und das Engagement ihrer Mitarbeiter zur stetigen Verbesserung der Produktivität und damit Wettbewerbsfähigkeit nutzen wollen.
Neue Ansätze industrieller Personalwirtschaft für die Unternehmensentwicklung
Mit dem Projekt
Wissensbilanz wurde ein System entwickelt und erprobt, mit dem
das vorhandene Wissenspotenzial im Unternehmen auf der Produktionsebene erfasst sowie effizient und effektiv genutzt werden kann. Die Wissensbilanz ist eine zahlenmäßig anwendbare Methode für die Praxis, mit der das Wechselspiel zwischen den technisch-organisatorischen Veränderungen und dem zur Anpassung notwendigen Wissen veranschaulicht werden kann. Das System ist so konzipiert, dass es von allen Beteiligten, wie Geschäftsleitung, Betriebsrat und Mitarbeiter, getragen werden kann.
Weitere Projekte befassten sich mit
Qualifizierungsmaßnahmen industrieller Fachkräfte. So wurde beispielsweise die Zielgruppe der
An- und Ungelernten in Produktionsbetrieben mit dem Verbundprojekt
WEISE angesprochen. Die dort entwickelten und erprobten Methoden ermöglichen ein selbstorganisiertes Lernen im Arbeitsprozess mit geringem Unterstützungsaufwand. Diese Vorgehensweisen sind in die betrieblichen Weiterbildungssysteme integrierbar und unterstützen die betriebsinterne und aufgabenbezogene Kompetenzentwicklung.
Die
Untersuchung „Industrielle Fachkräfte für das 21. Jahrhundert - FK21“ wurde in Zusammenarbeit mit Unternehmen, Verbänden und Forschungsinstituten durchgeführt. Es wurde der für die Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu deckende
bildungs-, beschäftigungs- und personalpolitische Handlungsbedarf identifiziert. Aus dieser Voruntersuchung leiteten sich die Projekte zur Globalisierungsfähigkeit, zur industriellen Personalwirtschaft und zur Kompetenzentwicklung ab.
Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) müssen sich den Herausforderungen der Globalisierung stellen. Das Projekt
„Erhöhung der Globalisierungsfähigkeit von Fachkräften in kleinen und mittleren Unternehmen – ErGo“ hat bei produzierenden KMU innerbetriebliche Hemmnisse bei der
Globalisierungsfähigkeit von Belegschaften ausfindig gemacht, analysiert, Lösungen für deren Überwindung entwickelt und diese erprobt. Das Projekt konzentrierte sich dabei auf
arbeitsorganisatorische und personalwirtschaftliche Innovationen, die maßgeblich dazu beitragen, neue internationale Unternehmensstrategien mit größerer geografischer Reichweite zu unterstützen. Mit
neuen Ansätzen industrieller Personalwirtschaft für die Unternehmensentwicklung sollte aufgezeigt werden, dass für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung gleichzeitig neue Organisations-, Technologie- und Qualifikationsvoraussetzungen zu erfüllen, neue Wege des Personaleinsatzes zu gehen und neue personalpolitische Modelle zu wagen sind. Das Verbundprojekt
"Dynamische Personalwirtschaft für die Industrie des 21. Jahrhunderts – GENIUS" griff diese Aspekte auf.
Neue zukunftsorientierte Ansätze und Formen industrieller Sozialpartnerschaft
Neue personalwirtschaftliche Aufgabenstellungen in dezentralisierten Unternehmensstrukturen erfordern eine eher prozess- und projektförmige Art der sozialpartnerschaftlichen Zusammenarbeit, bei der durch aktive Mitgestaltung und intensive Einbindung aller Vertretern, Herausforderungen gemeinsam gelöst werden. Im
SOZIUS-Projekt haben Betriebsräte und Personalverantwortliche in betrieblichen Projekten die
Bedingungen und Kriterien einer Sozialpartnerschaft herausgearbeitet. Es wurden Orientierungsmarken zu Form, Inhalt und Perspektive für eine erfolgreiche Sozialpartnerschaft erarbeitet.
Überbetriebliche Personalflexibilisierung
Im Verbundprojekt
PERFLEX wurde unter fünf kleinbetrieblichen Zulieferern der Elektronikbranche mit sozialwissenschaftlicher Unterstützung eine unternehmensübergreifende Kooperationsstruktur aufgebaut. Diese Struktur zeigt Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Hierarchie- und Aufgabenebenen auf, bis hin zur Möglichkeit, auf Unternehmensleitungsebene strategische Ziele zu koordinieren. Es wurden innovative
Konzepte des überbetrieblichen Personal- und Informationsaustauschs erarbeitet und erprobt, die neben dem physischen Austausch einzelner Mitarbeiter als dynamische Form der Kooperation den „virtuellen Mitarbeiter-Austausch“ ermöglichen.
Generationenaustausch in industriellen Unternehmensstrukturen
Im Projekt
GENIUS wurden
personalwirtschaftliche Instrumente zur kontinuierlichen Sicherung des Fachkräftebedarfs unter den sich verschärfenden Bedingungen des
demografischen Wandels entwickelt. Es wurden konkrete Maßnahmen, die es den Unternehmen ermöglichen, zu einem deutlich früheren Zeitpunkt Nachwuchskräfte nicht nur auszubilden, sondern auch längerfristig an sich zu binden, konzipiert und erprobt. Als besonders viel versprechender Lösungsansatz zur frühzeitigen Fachkräftesicherung gerade für KMU hat sich der sogenannte
Nachwuchskräftepool erwiesen.
Wissens- und Kompetenzentwicklung
Wissen und Kompetenz erhält für alle gesellschaftlichen Bereiche auch unter dem Aspekt „kontinuierliches, lebenslanges Lernen“ entscheidende Bedeutung. In der industriellen Produktion nimmt der Bedarf an technischem und organisatorischem Wissen und Können der Fachkräfte tendenziell zu. Das benötigte Fach- wie Erfahrungswissen muss erworben, weitergegeben und rasch in der alltäglichen Arbeit nutzbar gemacht werden. Für diese
neuen Anforderungen an industrielle Fachkräfte wurden Konzepte entwickelt, die den zielbezogenen Erwerb neuer Kompetenzen ermöglichen.
Im Forschungsverbund
„Neue Anforderungen an Kompetenzen erfahrungsgeleiteten Arbeitens und selbstgesteuerten Lernens bei industriellen Fachkräften - NAKIF“ wurden neue Möglichkeiten der Förderung
erfahrungsgeleiteten Arbeitens und Lernens entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Förderung industrieller Fachkräfte, berufliches Wissen und Können auf dem Weg des „Erfahrung-Machens“ zu erwerben und anzuwenden. Neben den fachlichen Anforderungen werden zunehmend fachübergreifende Kompetenzen wichtig. Fähigkeiten im Umgang mit Unwägbarkeiten durch ein erfahrungsgeleitetes Handeln in der Arbeitswelt ergaben auch neue Erkenntnisse und Herausforderungen für die berufliche Aus- und Weiterbildung.
Im Jahr 2006 (
12. Bekanntmachung vom 27.09.2004) wurde das Thema
„Erfahrungsgeleitetes Arbeiten und Lernen“ im Themenfeld „Kompetenz Montage“ mit dem Verbundprojekt
„Erfahrungsbasierte Wissensarbeit in flexiblen Montagesystemen - WAMo“ wieder aufgegriffen. Das Projekt zielte darauf, die Beschäftigten in den Produktionsbetrieben mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen als Wettbewerbsvorteil in globalisierten Märkten zu betrachten bzw. die Nutzung dieser Wissenselemente zu fördern. Ein Schwerpunkt war die Entwicklung ganzheitlicher Ansätze zur Produktionsgestaltung und -organisation, die den Erwerb, die Nutzung und die Weitergabe von Erfahrungswissen ermöglichen und unterstützen. Daraus ergab sich die Aufgabenstellung, ein Konzept zu entwickeln und umzusetzen, das den Qualifikationsbedarf und dessen Vermittlung bewerkstelligt.
Im Themenfeld „Produktentwicklung“ wurden in den Jahren 2007 bis 2009 mit dem industriellen Verbundprojekt
EasyKit innovative Entwicklungs- und Didaktikwerkzeuge für mechatronische Systeme entwickelt. Ziel war es - unter dem Motto „Mechatronik verstehen und das Anwenden leicht gemacht“ - einfach zu beherrschende Werkzeuge und Methoden für Nicht-Experten und die universitäre Ausbildung zu entwickeln. Um den Nachweis für die Einfachheit des Systems zu erbringen, wurde ein Feldversuch mit Schülern der Klassen 7 – 12 durchgeführt. Zu dem Zweck wurden Schulungsunterlagen, Aufgaben und Beispiele sowie E-Learning-Tools erstellt, die Schülern und Lehrern einen einfachen Zugang zum Thema ermöglichen. Die Schüler erlernen an industriellen Komponenten den Umgang mit der Mechatronik. Das Starterset mit zuschaltbarer Komplexität kann ohne Spezialwissen oder langes Einarbeiten mit Hardwareteilen, Software und einer didaktischen Methodik benutzt werden, um zukunftsorientierte, praktische und berufliche Bildung zu erwerben.
Demografischer Wandel und Fachkräftemangel
Aufgrund des prognostizierten Ingenieur- und Fachkräftemangel in der produzierenden Industrie wurde im Jahr 2008 das Projekt
"matchING – Fachkräfte finden, bilden und entwickeln" gestartet. In export- und innovationsträchtigen Branchen droht durch den Personalmangel ein Verlust der Innovationskraft und damit eine Gefährdung der Zukunftsfähigkeit insbesondere von KMU. Ziel des Projekts war es, gemeinsam mit kleinen Unternehmen praxisgerechte
Lösungswege zur Personalgewinnung und -entwicklung zu erarbeiten. Es wurden Strategien, Konzepte und praktische Instrumente erarbeitet, um hochqualifizierte Fachkräfte zu finden, zu binden und zu entwickeln. Ausgelöst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise wurde die Sicherung der Fachkräfte trotz wirtschaftlicher Engpässe und Kurzarbeit als zusätzliches Thema bearbeitet.
Trends zum Lernen im Arbeitsprozess
Märkte und Kundenwünsche, Produkte und Technologien – immer individuellere Bedürfnisse müssen immer schneller bedient werden. Um diesen Flexibilisierungsansprüchen gerecht zu werden, unterliegt die Produktion einem ständigen Wandel, der die Arbeitswelt verändert. Für die Mitarbeiter bedeutete dies die Konfrontation mit neuen Zielsystemen, Methoden und Verfahren. Die Rolle der Mitarbeiter wandelt sich zum steuernden und das Produktionssystem regelnden und kontrollierenden Funktionsträger und wird damit zum unverzichtbaren Bestandteil flexibler und fehlerarmer Produktionssysteme. Damit dies gelingt, werden weiterhin Ansätze zur Erfassung und sinnvollen Vermittlung der Qualifikationsinhalte benötigt, insbesondere unter Einbeziehung bzw. Förderung des Erfahrungswissens der Mitarbeiter.
Die Zukunft innovativer Unternehmen wird zunehmend von der Qualität ihres Wissensmanagements abhängen. Integriert man zum reinen Wissenstransfer von Sach- oder Fachwissen auch den Anwendungsbezug, Werte und Erfahrung, so wird Wissensmanagement zu einem Kompetenzmanagement. Der Bedarf an Kompetenzen wächst schneller als Unternehmen, Fachkräfte und Bildungssystem reagieren können. Ein Ausweg daraus wird deshalb in der Realisierung eines formellen und informellen Lernens im Arbeitsprozess bestehen. Folgende Aspekte wurden deswegen in Forschungsprojekten aufgegriffen: Entwicklung von Modellen zur
Beteiligung der Mitarbeiter an den Planungs- und Realisierungsprozessen für integrierte Modernisierungskonzepte; Aufbau und Integration unterschiedlicher
Lern- und Veränderungskompetenzen und Anreizstrukturen; integriertes
Wissensmanagement; Qualifizierung zur eigenverantwortlichen
Selbstorganisation; effektive Nutzung von vorhandenem Fach- und
Erfahrungswissen in Unternehmen; selbstorganisiertes lebenslanges Lernen; erfahrungsgeleitete
Wissensarbeit in verschiedenen Bereichen der Produktion.
Stand: Juli 2010